Bereits mehrfach hatte ich die Schnauferlfahrt Ibbenbüren als Zuschauer besucht und Fotos gemacht. In diesem Jahr bekam ich die Möglichkeit, nicht nur am Rand zu stehen, sondern am letzten Tag mitzufahren. Also war ich pünktlich um 8:00 Uhr morgens am Autohaus Bäumer in Ibbenbüren, wo die Fahrzeuge sicher und trocken untergestellt waren. Die ersten Teilnehmer waren auch bereits da und einige machten sich daran, Kühlwasser nachzufüllen, den Ölstand zu überprüfen oder die eine oder andere Schraube nachzuziehen. Mit Cheforganisator Heinz Elfers wurde schnell geklärt, bei wem ich mitfahren konnte: Bei Jochen und seinem Flanders Twenty aus dem Jahr 1912. Kurz erklärt: Die Everitt-Metzger-Flanders Company aus Detroit, Michigan (USA) baute zwischen 1908 und 1912 zwei Fahrzeuge: Dem EMF Model 30 von 1908 bis 1912 und den Flanders Twenty von 1910 bis 1912. Dann wurde das Unternehmen von der Studebaker Corporation übernehmen und die beiden Markennamen EMF und Flanders ad acta gelegt. „Unser“ Flanders Twenty, ein offener Zweisitzer, wurde von einem Vierzylindermotor mit 2.537 ccm Hubraum und 20 PS angetrieben. Wenn ich heute sehe, dass sogar ein Kleinwagen wie ein VW Polo teilweise mit deutlich mehr als 100 PS unterwegs ist – auch mit 20 PS kommt man entspannt an.
Gegen 9:00 Uhr wurde gestartet. Die Teilnehmer, die wieder aus ganz Deutschland, aber auch aus Österreich und der Schweiz kamen, hatten zur Orientierung ein Roadbook an die Hand bekommen, doch wir hängten uns einfach an den Vordermann dran. So konnten Jochen und ich uns entspannt unterhalten und ich mich auf das Fotografieren konzentrieren konnte. Wobei letztes bei einem Fahrzeug mit seinen großen Holzspeichenrädern und den Blattfedern jede kleinste Unebenheit direkt an die Insassen weitergaben. Dank gut gepolsterter Sitze war das grundsätzlich kein Problem, aber mit ruhiger Hand eine Kamera zu halten, war definitiv eine Herausforderung.
Über kleine Seitenwege abseits der vielbefahrenen Hauptstraßen machten wir uns auf den Weg zum ersten Etappenziel, dem Habichtshof in Ostbevern. Natürlich nicht auf direktem Weg, denn bei der Schnauferlfahrt ist in erster Linie der Weg das Ziel. Vorbei an Wiesen, Getreidefeldern und Wäldern knatterten die Schnauferl aus der sogenannten Messing-Ära, über uns schien die Sonne. Der von verschiedenen Wetterdiensten vorhergesagte Nieselregen fiel freundlicherweise aus. Von Jochen erfuhr ich, dass er zu Beginn der Woche nicht mit dem Flanders unterwegs gewesen war. Doch der Viersitzer fiel am Donnerstag aus und so holte er aus dem nicht weit entfernten Versmold das Ersatzfahrzeug. Auch wenn der Platz für zwei großgewachsene Männer doch recht beengt war, ich hatte zum Glück kein Lenkrad vor mir und saß entsprechend bequemer. Der linke Arm lag entspannt auf dem Gestänge, in der rechten Hand hielt ich die Kamera.
Die Plaketten auf dem Rückseitig angebrachten Koffer verrieten, dass Jochen nicht nur regelmäßig bei der Schnauferlfahrt unterwegs war, sondern auch mehrere Male an der "Historischen Fahrt Rund um Osnabrück" der Oldtimer IG Osnabrück e.V. teilgenommen hatte. Außerdem erfuhr ich so manches über die Fahrzeuge, die gerade vor uns fuhren.
Nach gut einer Stunde Fahrt kamen wir auf dem Habichtshof an und die Schnauferl wurden im Schatten geparkt. Die Teilnehmer gönnten sich einen frischen Kaffee zum zweiten Frühstück und ich nutzte die Gelegenheit, mir die Fahrzeuge näher anzusehen und das eine oder andere Foto zu machen. Dabei lernte ich auch Theo kennen, einen alten Freund unseres vor einigen Jahren viel zu früh gestorbenen IG-Mitglieds Harry. Theo war vor einigen Jahren zu einem Kalender-Shooting der IG zum Museum Industriekultur gekommen – mit einem von ihm behutsam restaurierten Mercedes-Benz 680 S. Dieser befindet sich schon seit langem wieder bei seinem Besitzer in den USA. Nun war er mit einem beeindruckenden Packard unterwegs, den er natürlich auch restauriert hatte. Das Fahrzeug lief einst in Schweden und verbrachte dann zahlreiche Jahr – in einem zweifelhaften Zustand- in einem Museum in Aalborg (DK). Nachdem das Museum pleite war, wurde der Packard versteigert und gelangte zu einem Händler in Detroit. Von dort aus gelangte er zu Theo, den besonders die Technik des großen Cabriolets interessierte: Er besitzt ein von Sportwagen bekanntes Transaxle-Getriebe und hat dort eine gleichmäßige Gewichtsverteilung. Mittlerweile hat Theo die Restaurierung beendet und bewegt ein herrliches Fahrzeug. Thema Technik: Der Packard hat vorne sechs Scheinwerfer. Jeder davon muss durch einen eigenen Schalter ein- und ausgeschaltet werden. Infos zum Habichtshof Bauern-Café findet ihr unter www.habichtshof.de.
Nach der Kaffeepause setzten wir uns wieder in Bewegung. Nächstes Ziel zur Mittagsrast war der Verein Eisenbahn-Tradition e.V. in Lengerich. Natürlich wurde wieder nicht der direkte Weg genommen, erneut ging es über schmale abgelegene Wege durch das Tecklenburger Land. Zwischendurch kam es schon einmal vor, dass sich der vor uns fahrende Fahrer verfuhr und es musste gedreht werden. Für den wenigen Flanders kein Problem, aber für die großen Fahrzeuge war das schon Arbeit. Nix mit Servolenkung – das Lenken dieser Fahrzeuge war echte Arbeit. Die weit mehr als 100 Jahre alten Fahrzeuge zauberten jedem Passanten am Straßenrand oder entgegenkommenden Fahrrad- oder Autofahrer ein Lächeln uns Gesicht, es wurde gewunken und Jochen drückte kurz die Ballonhupe.
Schließlich erreichten wir Lengerich und damit auch das Gelände des Eisenbahn-Vereins. Obwohl Lengerich nun wirklich nicht weit entfernt von Hasbergen ist, kannte ich den Verein bisher noch nicht. Eine echte Lücke, wie ich feststellen musste. Als erstes passierten wir die voll funktionstüchtige Dampflok. Weiter ging es um den Lokschuppen und wir parkten daneben ein. Die gesamten Gebäude bildeten ein tolles Ambiente, dazu die historischen Waggons und nun auch die sehr alten Automobile – eine einmalige Fotokulisse. Das nutzte ich dann ausgiebig, während die Fahrerinnen und Fahrer beim Mittagessen saßen. Danach bekamen wir eine Führung durch den Lokschuppen und auch durch die restaurierten Waggons mit ihren 1. Klasse-, 2. Klasse- und 3. Klasse-Abteilen. Vielleicht waren sie nicht so bequem und mit Hightech versehen wie moderne Züge, aber sie hatten eins: Charme. Den historischen Zug kann man auch mieten, wie wir erfuhren. Infos zum Verein gibt es unter www.eisenbahn-tradition.de.
Irgendwann ging es dann aber doch weiter. Einmal quer durch Lengerich Richtung Brochterbeck und von dort aus weiter nach Ibbenbüren. Selbstverständlich nicht auf direktem Weg und nicht ohne eine weitere Pause. Die machten wir am Rande einer Waldlichtung. „Zufällig“ hielt auch ein moderner Oldtimer aus den 1990er-Jahren und zwei Männer stiegen aus, bewaffnet mit Banjo und Akkordeon. Sie unterhielten die Teilnehmer mit Musik überwiegend aus den 1950er-Jahren. Nicht wirklich meine Musik, aber sie passte perfekt hier hin und sorgte für Stimmung. Irgendwo im Gedächtnis waren die Lieder auch bei mir abgelegt. Diese biologische Form der Festplatte speichert offenbar auch vieles, was man nicht speichern wollte. Allerdings hätte Rockmusik auch schlecht zu dieser Veranstaltung gepasst.
Nach rund einer Stunde ging es weiter. Es dauerte nicht mehr lange und wir erreichten Ibbenbüren und das Autohaus Bäumer. Jochen wollte gleich weiter, den Flanders auf seinen Trailer verladen und wieder nach Versmold bringen. Für mich war die Schnauferlfahrt auch beendet – ich hätte nicht gedacht, dass die Fahrt mit einem 114 Jahre alten Autos derart viel Spaß macht. Vielen Dank an Cheforganisator Heinz Elfers und Flanders-Fahrer Jochen für die Möglichkeit, an dieser Etappe der Schnauferlfahrt Ibbenbüren teilzunehmen. Wenn nichts dazwischen kommt, bin ich 2027 wieder dabei. Wenn nicht als Beifahrer, so doch zumindest irgendwo am Straßenrand mit der Kamera.
Bei der Schnauferlfahrt Ibbenbüren gab es wieder sehr interessante Fahrzeuge. Auffällig war natürlich das Locomobile M 48 Speed Car mit seinen üppigen Ausmaßen und dem großen Sechszylindermotor. Ein Sportwagen, den es zu beherrschen gilt. Er ist regelmäßig Teilnehmer der Schnauferlfahrt Ibbenbüren, aber auch ebenso regelmäßig bei den Classic Days (ehemals am Schloss Dyck) am Start.
Nur drei Jahre gebaut wurde der Flanders, mit dem ich als Beifahrer unterwegs war. Bei seiner Premiere 1910 gab es ihn nur als Runabout für zwei Personen – wie wir ihn gefahren sind – für 750 US-Dollar und als viersitziger Tourenwagen für 790 US-Dollar. 1911 wurde die viersitzige Tourer durch den offenen Viersitzer „Suburban“ ersetzt, zusätzlich gab es einen dreisitzigen Roadster und ein Coupé. 1912 gab es wieder einen Tourenwagen. Insgesamt wurden rund 30.000 Fahrzeuge in drei Jahren gebaut. Für den Flanders gab es eine der ersten Automobil-Betriebsanleitungen im modernen Sinn. Erstmals wurden beim Kunden keinerlei Vorkenntnisse vorausgesetzt. Entsprechend einfach war es gehalten, umfasste aber nicht nur den Betrieb des Autos, sondern auch Pflegehinweise. Die Anleitung erwähnte Selbstverständlichkeiten wie Benzin-, Wasser- und Ölkontrolle vor jeder Fahrt; letzte umfasste auch die Behälter für die Zusatz- und Rücklichter. Es wurde auch gewarnt, Benzin mit brennender Zigarre und bei gelöschter Beleuchtung einzufüllen.
Mit Baujahr 1922 hatte ein Fahrzeug ein jüngeres Baujahr: Der hellblaue Schuricht 6/30. Ich muss gestehen, von einem Schuricht hatte ich zuvor nie gehört. Das Automobilwerk Walter Schuricht produzierte von 1921 bis 1923 in München Automobile. Schurichts Ziel war es, solide und preisgünstige Fahrzeuge für eine breite Bevölkerungsschicht während der Nachkriegszeit zu bauen. 1923 wurde Schuricht vom neugegründeten Bayerischen Automobilwerk übernommen – die 1924 die Produktion einstellten. Das in Ibbenbüren gestartete Fahrzeug ist das weltweit einzige fahrbereite Auto dieses Typs.
Das älteste Fahrzeug auf der Tour am Samstag war ein De Dion-Bouton aus dem Jahr 1903. De Dion-Bouton mit dem Baujahr 1903 repräsentiert eine absolute Pionierleistung der Automobilgeschichte. Zu diesem Zeitpunkt war das französische Unternehmen aus Puteaux der größte Automobilhersteller der Welt und globaler Marktführer für Verbrennungsmotoren. Triebwerke von De Dion-Bouton wurden in Lizenz von über 100 anderen Herstellern (darunter in frühen Modellen von Renault) eingekauft.
Nachfolgend findet ihr nun fünf Fotogalerien von der Strecke und den Zwischenstopps.